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  Endstation Sehnsucht 
- oder genug ist nicht genug

Den vollen Regalen stehen wenig wirklich leere Bäuche gegenüber.
Betrachten wir unsere Situation, die Lage des wohlhabenden Mitteleuropäers, so sind die materiellen Gegebenheiten geradezu unverschämt.

Selbstverständlich dürfen nicht jene Menschen unerwähnt bleiben, die aus den verschiedensten Gründen ihr Dasein am Rande des Existenzminimums fristen müssen.
Ihre Zahl ist ohne Frage, bedingt durch Arbeitslosigkeit und soziale Verwerfungen, in den letzten Jahren stetig steigend.

Doch nicht nur im Vergleich mit anderen Regionen der Welt, scheint unser Wohlstand nie größer, die Bankkonten nie gefüllter gewesen zu sein, als dato.
 
Dennoch, Zufriedenheit scheint sich nicht einzustellen.
Der materielle Wohlstand korreliert nicht zwangsläufig mit seelischem Glück.

Überhaupt dieses eigenartige Wort "Glück". Wie soll man es eigentlich definieren? 

Von der Antike bis in unsere heutigen Tage begleitet das Streben und die Suche nach dem Glück die menschliche Existenz.
Natürlich ist uns diese Tatsache nicht immer bewusst. Dennoch ist sie immer präsent und bestimmt in latenter Weise unser Denken und Handeln.

Unternehmen wir den Versuch, und spüren wir der Frage nach, warum es so schwer erscheint, glücklich zu sein oder es zu werden.
Wie muss eine Situation aussehen, in der wir uns selbst als glücklich bezeichnen würden?

Sind es jene „paradiesischen“ Zustände, in denen wir bar jeglicher Verpflichtung zur Arbeit, im Übervollen schwelgen dürfen?  Ist es vielleicht jener erträumte Moment, in dem wir uns von allen verehrt und geliebt meinen?
Oder ist einfach das Gefühl der Übereinstimung unserer inneren Befindlichkeit mit den äußeren Verhältnissen ein Gradmesser für die Größe unseres Wohlbefindens?

Dies ist eine verflixt schwer zu beantwortende Frage, unterminiert sie nur allzu leicht das labile Gleichgewicht zwischen Illusion und dem normalen Fortgang der Dinge.

Eins scheint allerdings klar: Jenseits der existenziellen Bedürfnisse wie Nahrung, Kleidung etc. weitet sich eine schier endlose Ebene der Begehrlichkeiten, die uns über den richtigen Weg zweifeln lässt.
Sie erstreckt sich von den Wissenschaften bis zu den letzten Sinnfragen, die in Religion und Philosophie gestellt werden.

Aber wo die Unsicherheit am größten, wächst das „Rettende“ auch.
..Und dies in Form einer Institution mit dem Namen „Wirtschaft“.

Die Geschäftsgrundlage unserer Konsumgesellschaft ist ein Pluralismus der Bedürfnisse.
Allerdings, was als Bedürfnis zu gelten hat, wird nicht unbedingt durch den Konsumenten
bestimmt.
Eine allgegenwärtige Wirtschaftsmaschinerie kreiert Produkte ohne Zahl, generiert Bilder, an denen Träume haften, erzeugt Sehnsüchte, die sich als Bedürftigkeiten maskieren und welche
sich schon längst von ihren Produkten emanzipiert haben.
Verkauft werden Träume, der Produktnutzen ist sekundär.

Mehr noch, allenthalben wird uns armem Zivilisationsmenschen, der gerade den niederen existenziellen Bedürfnissen nach Nahrung, Kleidung und sicherer Behausung evolutionär entkommen zu sein scheint, von diesem System suggeriert, der Möglichkeiten und Wege glücklich zu werden und zu sein, gäbe es gar viele.
Jeder scheint seines Glückes Schmied, und die Konsumwelt um uns herum lockt mit dem Versprechen, das geeignete Instrumentarium hierfür bereit zu halten.
Der amerikanische Traum als Lebensaufgabe und seelische Hypothek!
Es obliegt allein dem Individuum sich den Traum zu erfüllen. 
So unterwerfen wir uns fast freiwillig dem Zwang zum selbst erzeugten Lebens(-Glück).
Die Kinder des Konsums lernen diese Lektion schon in Kindergärten und Schulen.
An Marken und Firmenlogos hängen Identität und soziale Akzeptanz.
Man mag dies bedauern, das Faktum bleibt.

Aber sind wir wirklich nur Sklaven eines völlig materiell orientierten Wirtschaftsystems, in  dessen Überfluss das Gefühl für Sinnfragen betäubt wird?  

Schauen wir hinter die glitzernden Fassaden, entziehen wir uns für einen Moment dem medialen Strudel der Bilder und Produkte, müssen wir mit Überraschung feststellen, dass dies Geschehen eine Spirale ohne Anfang und Ende ist.
Stets weicht ein neues Produkt, ein neuer Traum dem nächsten.
Die Produktions- und Rezeptionszyklen verkürzen sich zum Wimpernschlag eines Werbeclips.
Wer inne hält, erleidet das „Schleudertrauma“ der Kontemplation. 

Warum dieser schnelle Ablauf des Konsums, das Delirium der Wegwerfgesellschaft, der Schauder des Neuen, das immerwährende Hetzen von einem Wunsch zum nächsten?
 
Weil, ...
............kein Objekt genügen kann!

Es geht im Grunde um eine, um die ontologische Leerstelle, um jenen existenzielle Mangel, welcher in der Literatur thematisiert und in den psychologischen Analysen Jacques Lacans beschrieben wurde.
Es ist jenes innere Vakuum, jener Dämmerzustand immer wieder neu zu entfachenden Begehrens, welche uns nie mehr zur Ruhe kommen lassen.

Nichts kann dieses Begehren befrieden. Aussichtslos das Unterfangen, diese Wunde mit Produkten oder Dienstleistungen zuzupflastern.

Mit welcher Kraft die Dinge beschaffen sein müssen, die für sich in Anspruch nehmen, diese  existenzielle Leerstelle auszufüllen, zeigen uns die Beispiele aus dem soziologischen Kontext. Fundamentalismus jeglicher Couleur, Fanatismus und mit Innbrunst vorgetragene Glaubenskriege, öffnen deuten auf die Brisanz der Lösungsansätze.

Zu weit gegriffen? Ich denke nicht.
Aber wie gehen wir nun mit diesem Wissen um?
Der erste Schritt hierzu ist, in bester Aufklärungsmanier, das Aufspüren der psychischen und soziologischen Prozesse, das Aufdecken der Defizite und der Kräfte, die diese begleiten.
Nein im Ernst, das Forschen nach den grundsätzlichen Bedingungen dieser Tatsachen bringt Distanz, schenkt uns die Möglichkeit zur Besinnung.
Die Unvollkommenheit jeglichen Begehrens, die schmerzliche Erfahrung,
dass nichts genügt, kein Tun endgültige Erfüllung sichern kann, diese Erkenntnis tut weh.
Aber dieses Wissen hat ebenso eine befreiende Wirkung, es emanzipiert den Menschen von einem unbewussten Zwang.

.. Etablieren wir stattdessen gemeinsam eine Kultur der Sehnsucht!
Es gilt, aus der Not des Defizits eine Tugend zu machen.
Warum denn kein Spiel mit den Wünschen, ein gesellschaftliches Experimentieren mit den inneren Mängeln und Begehrlichkeiten?

Ja man könnte sogar so weit gehen und allen Ernstes mit diesen Unzulänglichkeiten kokettieren.
Natürlich erfordert dies Kraft
und auch ein wenig Mut. 
 
Und womöglich ist es ja am Ende ein geniales Prinzip des evolutionären Geschehens, welches uns innerlich beseelt, uns treibt und hetzt, uns nimmermehr zur Ruhe kommen lässt.
Nur um stetig auf dem Weg nach vorn zu sein.
Werden wir uns also diesen genannten Tatsachen bewusst und lernen wir, damit umzugehen.
Ohne falsche Scham und nicht zuletzt mit einem ironischen Augenzwinkern des sokratischen Lehrmeisters.
  

 

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